4. April 2017

Rezension: Smoke


Was wäre, wenn jede Lüge, jeder Hinterhalt oder gar jeder böse Gedanke durch Rauchabsonderung des Körpers plötzlich für jeden sichtbar wäre? Dass die Grenzen von Gut und Böse nicht immer deutlich sind und manchmal auch verschwimmen können, erzählt uns Dan Vyleta in seinem neusten Roman Smoke aus dem Hause carl's books. Wie mir der Roman gefallen hat, erfahrt ihr in dieser Rezension.



WORUM GEHT ES?

Der Roman spielt im England des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt in Oxford und in London. Die Welt hat sich deutlich verändert. Der Rauch ist eingezogen und deckt jede Unehrlichkeit, jede Bosheit sofort auf. Der menschliche Körper sondert Rauch ab, sofern man sich nicht tugendhaft verhält. Zwischen Taten, Worten oder gar Gedanken wird dabei kein Unterschied gemacht. Der Ruß haftet auf den Kleidern, weshalb er für jeden sichtbar bleibt. Die Sünde bleibt nicht mehr verborgen.
Die beiden Schüler Thomas und Charlie besuchen ein Internat in Oxford, das sie zu sogenannten Gentlemen erziehen soll. Dort wird ihnen tugendhaftes Verhalten beigebracht, das ihnen den Rauch größtenteils austreiben soll. Ein Gentleman raucht nämlich nicht oder nur sehr schwach und steht deshalb über dem gemeinen Volk, das stetig sündigt.
Nach einem Besuch in London, der Stadt in der der Rauch bereits in der Luft hängt, hinterfragen Thomas und Charlie die Gesetze des Rauchs und was sie dann herausfinden, bringt sie in große Gefahr.


REZENSION

Das Besondere an Smoke ist vor allem der Aufbau des Romans. Er ist in sechs Abschnitte unterteilt, jeder Abschnitt wird durch ein Zitat, zum Beispiel aus der Bibel oder einem Klassiker wie Moby Dick eingeleitet.
Außerdem wird abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Die eine Perspektive ist immer der allwissende Erzähler, der in der dritten Person erzählt und den Protagonisten Thomas und Charlie folgt. Die andere Perspektive erzählt in der ersten Person. Das Besondere daran ist, dass immer ein anderer Charakter etwas erzählt. Der einzige Charakter, dessen Perspektive zweimal vorkommt, ist Thomas.
Man erlebt so also das zuvor nur grob Angerissene, nochmal aus einer anderen Perspektive und erfährt so genaueres über die Handlung. Ich hatte das Gefühl, dadurch noch viel tiefer in die Erzählung eindringen zu können, was mir sehr gut gefallen hat.

Generell hat mir die Schreibart des Autors sehr gefallen. Mir kamen selbst längere Kapitel von über 30 Seiten nicht so lang vor, weil es innerhalb der Kapitel immer wieder kleinere Sprünge gab und keine Szene besonders lang gedehnt wurde. Man hatte also nicht das Gefühl, als wären die Kapitel endlos lang und die Handlung würde gar nicht weitergehen.
Ich muss jedoch zugeben, dass ich mit dem Lesen nicht so schnell voran kam, was aber keineswegs an komplizierten Satzgefügen oder einem sehr ausgefallenem Wortschatz lag, sondern eher daran, dass ich oft nochmal über das Kapitel nachdenken musste.
Das Konzept des Rauchs, der aus dem menschlichen Körper dringt, wenn man sich nicht tugendhaft verhält, hat mich zudem sehr überzeugt. Der Autor hat damit ein raffiniertes Phänomen entwickelt, das die Welt durchgehend beeinflusst und vor allem die Gesellschaft noch drastischer spaltet. Der Roman hat mich deshalb oft zum Nachdenken angeregt, denn obwohl er im 19. Jahrhundert spielt, sind viele, der dort angesprochenen Themen auch in der heutigen Zeit relevant und ich habe mich gefragt, was der Rauch in der heutigen Welt auslösen würde.

Gefallen haben mir außerdem die unterschiedlichen Figuren. Man wusste nie so genau, wem man recht über den Weg trauen konnte. Ich wurde einige Male von den Figuren überrascht und habe mich oft hinters Licht führen lassen. Manchmal war es gar nicht so leicht zu erkennen, wer nun böse und wer gut ist. Diese Grenzen verschwimmen zu leicht, wenn man das Richtige aus den falschen Gründen tut oder andersherum. Der Roman zeigt auf, dass tugendhaft zu handeln nicht immer leicht ist und ein durchweg tugendhaftes Leben den Menschen auch nicht gänzlich befriedigt.

Besonders hervorheben möchte ich die Wandlung von Livia. Anfangs gefiel mir ihr Charakterbild gar nicht, doch gegen Ende hat sie sich sehr gemausert und sich zu einem starken, weiblichen Charakter entwickelt. Aber auch die Lady Naylor möchte ich als gebildete Frau hervorheben, die sich mit Forschung und Wissenschaft beschäftigt, was in der Zeit für Frauen keinesfalls üblich war.


FAZIT

Mit Smoke hat Dan Vyleta einen Roman verfasst, der den Leser zum Nachdenken anregt. Der Roman überzeugt nicht nur durch das Konzept des Rauchs, der die Tugend infrage stellt, sondern vor allem auch durch Spannung, unerwarteten Plottwists und den unterschiedlichsten Charakteren. Mir hat in dem Roman nichts gefehlt. Ich wurde vollends überzeugt, weshalb Smoke nichts anderes als fünf von fünf Kreuzen geben kann. 




BUCHDETAILS

Titel: Smoke
Autor: Dan Vyleta
Übersetzung: Katrin Segerer
Verlag: carl's books
Preis: 16,99€
Sonstiges: Klappenbroschur, 623 Seiten


Die Buchdetails sind der Webseite von Random House entnommen.
Vielen Dank auch an carl's books und Random House für das Rezensionsexemplar!

Kommentare:

  1. Hallo Jenny, von dem Buch habe ich noch nie gehört, bin aber sofort von deiner Rezension überzeugt worden :-) Die Idee mit dem Rauch, der alle Sünden offenbart, finde ich echt cool. Ich frage mich, welche Konsequenzen das für die Gesellschaft hat. Werden Verbrecher so schneller als solche erkannt? Oder sündigt jeder Mensch so viel, dass es gar nicht wirklich auffällt? Das Buch kommt definitiv auf meine Wunschliste, danke für den Tipp!

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    1. Hallo Friedelchen,
      es freut mich sehr, dass ich dich mit meiner Rezension überzeugen konnte! Ich kann Smoke auch wirklich nur empfehlen.
      Das mit dem Rauch hat die einfache Konsequenz, dass jemand, der sehr viel raucht, in der Gesellschaft eben sehr weit unten steht. Zu viel verrate ich jetzt aber nicht, denn das wird im Buch natürlich auch genauer erklärt ;)

      Liebe Grüße
      Jenny

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